Programmatisches: Geschlechterpolitik im unter_bau

Das Frauenplenum im unter_bau hat einen programmatischen Text verabschiedet, der unser Verständnis einer feministischen Gewerkschaftsarbeit skizziert. Er soll als Grundlage für entsprechende Positionen im gewerkschaftlichen Grundsatzprogramm unserer künftigen Hochschulgewerkschaft dienen. Eine Kurzversion ist bereits dem vorläufigen Programm der Gewerkschaftsinitiative angehängt worden.

Gleichstellungsprojekte gibt es an der Goethe-Universität offiziell bereits sehr viele. Doch die Diskriminierung hält an: Gerade einmal 22,9 Prozzent der Professor_innenschaft ist weiblich, obwohl über die Hälfte der Absolvierenden Frauen* sind; Kommilitoninnen berichten, dass sie sich in Seminaren nicht trauen, sich zu Wort zu melden; Dozentinnen klagen, sie können keinen Kitaplatz für ihre Kinder finden; das Reinigen der Uni-Räume wird nach wie vor hauptsächlich von Frauen erledigt; der Sicherheitsdienst von männlichen Angestellten. All diese Missstände will der unter_bau angehen.

Obwohl die Präsidentin und ein paar Dekaninnen der Goethe-Universität mittlerweile weiblich sind, so haben sie das trotz ihres Geschlechts geschafft. Ihre Politik gibt keinen Aufschluss, wie sich die Lage anderer Frauen verbessern soll. Ein Student kommentierte die Wahl einer Frau zur Präsidentin damit, dass er das „nicht schlimm“ finde, „Hauptsache sie arbeitet genauso gut, wie ein Mann“. An diesem beispielhaften Statement offenbart sich, wie wichtig emanzipatorische Bildungsarbeit selbst im 21. Jahrhundert und selbst innerhalb der angeblichen „Elite“ ist – gerade in der männlichen. Und genau deswegen ist sie auch ein Standbein der feministischen Arbeit des unter_bau.

Bildungsangebote, die nicht unmittelbaren ökonomischen Nutzen in der Arbeitswelt garantieren, werden seitens der Universität kaum gefördert. Im Gegenteil, selbst da, wo Studierende diese selbst organisieren, wie im Fall der Autonomen Tutorien, werden ihnen gnadenlos die Gelder gestrichen. Das Cornelia-Goethe-Centrum für Frauenstudien ist ebenfalls in Finanznot, da es von Drittmitteln abhängig gemacht wurde. Auch erkämpfte Räume wie der „Feministische Salon“ sollen Frauen wieder genommen werden, als sei das Patriarchat bereits überwunden. Dies zeigt, wie nicht nur ganz materiell um jeden Zentimeter, sondern auch immer wieder neu um die Anerkennung des Themas Feminismus an sich gekämpft werden muss. Solidarisch mit bestehenden Gruppen, zu denen auch Frauenrätinnen, die Fem-Phils sowie das Autonome Frauen*Lesben Referat des AStA zählen, fordern wir die Ausfinanzierung der bisher marginalisierten feministischen Lehre durch fest zugesicherte Uni-Gelder.

Stattdessen bietet die Universität Karriereförderprogramme für Frauen an, die darauf abzielen, Frauen beizubringen, sich bei „Arbeitgebern“ besser zu vermarkten. Das heißt im Klartext: sich weiter selbst zum Objekt zu machen und auf den Konkurrenzkampf vorbereitet zu werden, denn die Führungspositionen sind nun mal begrenzt. Eine Universität, die derart rückwärtsgewandte Inhalte vermittelt, ist nicht länger haltbar. Sexismus ist keine Meinung, sondern eine Herrschaftsform (und ja, Herrschaft lehnen wir ab). Wir verlangen also eine Modernisierung des an der Universität vermittelten Frauenbilds und der allgemeinen Genderpolitik, vor allem durch Meinungsmacher_innen im Präsidium und unter Professor_innen. Dies bedeutet auch, die Kategorien „Mann“ und „Frau“ nicht unnötig weiter anderen zuzuschreiben, sei es im Statistikseminar, auf Werbematerialen, in Vorlesungen oder Gesprächen. Denn dadurch sind aktuell alle Uni-Angehörigen gezwungen, sich dazu zu verhalten, sich selbst einzusortieren – oder einfacher gesagt: alle werden in die Schablone der zwei Geschlechter gepresst, ob sie das wollen und aushalten oder nicht. Wir wollen stattdessen eine Universität, die offen ist für verschiedene Geschlechterkonzepte und sexuelle Identitäten. Wir werden dies, wenn nötig, auch durch direkte Interventionen in Vorlesungen oder Gremiensitzungen anprangern und verändern.

Auch wenn an der Universität tendenziell Führungsfrauen mit recht guten Jobchancen ausgebildet werden, bedeutet das keine Befreiung. Neben der Erwartung, dass sie Karriere machen, ist die vorrangig von Frauen zu erledigende Reproduktionsarbeit (Kinder, Haushalt, Pflege etc.) nicht weggefallen und dadurch eine Doppelbelastung entstanden. Dieses auf Karriere reduzierte Verständnis von Emanzipation lehnen wir strikt ab. Uns ist der unweigerliche Zusammenhang von kapitalistischem Wirtschaftssystem und Geschlechterdiskriminierung bewusst. Wir fordern deswegen eine grundlegende Überwindung der geschlechtlichen Arbeitsteilung in Produktion und Reproduktion, die aber auch im bestehenden System bereits vorangetrieben werden kann.

Darüber hinaus gilt es die subtilen, also versteckter ablaufenden Mechanismen des Ausschlusses an der Uni zu entlarven. Diese variieren je nach Fachbereich und lassen sich wohl niemals vollkommen eliminieren. Sie sind mittelbar allerdings ebenfalls extrem einflussreich: Was bei Kunststudis beispielsweise der richtige Kleidungsstil sein mag, der hilft, um zu einer Performance eingeladen zu werden, könnte bei den Gesellschaftswissenschaften die nötige Portion Kosmopolitismus sein: Wer nicht mindestens ein Jahr im Ausland war oder im Dorf wohnt, wird erst mal komisch angeguckt und unter Umständen nicht zur Whatsapp-Gruppe eingeladen, in der auch Jobangebote geteilt werden, usw. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass viele bekannte Professoren gerne Mitarbeiter einstellen, die nicht nur aussehen wie ihre Klons, sondern auch genauso sprechen, gestikulieren, den gleichen Wein trinken und dieselben Bücher lesen. Neben dem Geschlecht spielen bei Inklusions- und Exklusionsprozessen also auch immer der soziale, ethnische, körperliche Hintergrund, den andere einem zuschreiben, eine Rolle. Doch festzuhalten bleibt: Während Männer aus einer Arbeiterfamilie es glücklicherweise heute schon besser schaffen können, an der Universität zum Intellektuellen zu werden, da sie zum Beispiel ihren Habitus anpassen können, lässt sich das zugeschriebene Geschlecht weitaus schwieriger ablegen. Damit all dies sich verändert, fordert der unter_bau sowohl eine stärkere Selbstreflexion aller an der Universität als auch ganz praktische Dinge, wie ausgeglichener besetzte Berufungskommssionen, statt nur eine alibi-mäßige „Diversity“-Politik auf Werbeplakaten.

Unsere Eigenschaft als feministische Gewerkschaft nennen wir nicht aus strategischen Gründen ein Abgrenzungsmerkmal zu anderen Gewerkschaften, sondern dieser Schwerpunkt resultiert aus ganz realen Enttäuschungen einiger Frauen im unter_bau. Auch wenn sich nach Kräften bemüht wird, Gender auf die Tagesordnung zu setzen, wird die historische Wurzel des Problems oft verkannt: Herkömmliche Gewerkschaften sind durch ihren verengten Blick auf die entlohnte Arbeit und historisch bedingt eher männlichen Mitgliedern bisher strukturell schlicht nicht dazu in der Lage gewesen, die Geschlechterproblematik intensiver zu behandeln. Wie auch, wenn weder die männliche Basis noch die männliche Führungsriege Frauenrechte einfordert? Dies leitet über zum zweiten frustrierenden Aspekt an etablierten Gewerkschaften: Ein männlicher Habitus, der sich in Bierrunden oder Führungsstilen genauso widerspiegelt wie in sexistischen Songs bei Veranstaltungen. Darauf hatten sowohl die Männer als auch die Frauen im unter_bau keine Lust mehr. Es herrscht ein frauenfreundliches Klima und eine allgemeine Kultur des Respekts und der Rücksicht aufeinander, ohne dass Frauen dabei ständig eine Opferrolle zugeschrieben wird. Darüber hinaus ist das Frauenplenum fest institutionalisiert und dessen Beschlüsse werden von der Vollversammlung angenommen; über deren absolute Verbindlichkeit wird im Zuge der Satzung noch diskutiert. Wir nutzen Quoten als mittelfristiges Empowerment-Instrument, dass sich langfristig selbst überflüssig machen soll. Frauen können jederzeit quotierte Redelisten beantragen, Kinder mitbringen (Männer aber auch), um ein vertrauliches Gespräch bitten, zur Beratung der Frauen die Vollversammlung unterbrechen, usw.

Über diese formalen Regelungen hinaus wollen wir nicht wie die Uni-Leitung nur Willensbekundungen machen, die größtenteils wirkungslos verpuffen, sondern wir denken auch einfach mal nach: Wir beschäftigen uns mit den tatsächlichen Wurzeln von Diskriminierung – und das macht uns radikal-feministisch: Woran liegt es, wenn wir nicht genügend Frauen für unsere quotierten Posten finden können? Wie können wir die Arbeitsteilung und Verhaltensweisen innerhalb unserer Gruppe verbessern, um Frauen wirklich zu ermächtigen? Ist blödes Verhalten wirklich immer Sexismus? Wie können auch andere Diskriminierungsformen neben dem Geschlecht einbezogen und verhindert werden?

Wir begreifen den unter_bau ganz realistisch als einen Raum, in dem Fehler gemacht werden dürfen – ja sollen! Anders als in einigen linken Gruppen, sollen hier keine impliziten Denk- und Redeverbote herrschen, sondern auch (cis-)Männer sollen ermutigt werden, von Frauen zu lernen, unbewusste Sexismen zu erkennen und abzulegen, mehr Empathie zu entwickeln. Natürlich wollen wir nicht bei der Bewusstseinsentwicklung der eigenen Mitglieder stehen bleiben, sondern auch über Geschlechtergrenzen hinweg als eng miteinander verbundene Genoss_innen für unsere gemeinsamen Ziele kämpfen. Hier ist uns wichtig, auch mal neue Strategien auszuprobieren, um teilweise Jahrzehnte alte Probleme zu überwinden. Letztlich ist uns aber bewusst, dass es in unvollkommenen Verhältnissen keine vollkommenen Menschen geben kann – noch nicht einmal unter Frauen.

Frauenplenum im unter_bau, September 2016

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* Wir sprechen in diesem Text von „Frauen“, wobei wir uns bewusst sind, dass wir uns damit in einem Spannungsfeld bewegen: Einerseits benutzen wir damit selbst die Geschlechterkategorien und -begriffe, die wir gerne überwinden würden. Andererseits benötigen wir diese Begriffe als Analysekategorien, die nach wie vor real wirkmächtig sind, und um die Unterdrückungsformen überhaupt benennen zu können, die wir bekämpfen wollen. Entlang von Geschlechtergrenzen und sexueller Identität organisierte Ungleichheiten sind auch nicht allein durch politische Forderungen oder allein über das Engagement an der Universität abzuschaffen, vielmehr wirken diese Geschlechter konstituierenden Körperpraxen subtil und sind tief in unseren Denk- und Fühlweisen verankert. Doch auch diese Erkenntnis entbindet die Universität nicht von ihrer Verantwortung, sich gegen direkte und mittelbare Diskriminierung einzusetzen.

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