Digitales Ausnahmesemester? Nein, so klappt das nicht!

Digitales Ausnahmesemester? Nein, so klappt das nicht!
Präsidium und Administration Goethe-Uni ©2019 Google

Einige Mitglieder von unter_bau mussten sich – nachdem sie die letzte PR-Mitteilung des Präsidiums gelesen haben – ihre Wut von der Seele schreiben. Wir veröffentlichen gerne das Ergebnis:

Die Hochschulleitung hat bereits in der letzten Woche behauptet, das digitale Semester verliefe ziemlich dufte. Vorbei die Versprechen von Anfang April, als das Präsidium gemeinsam mit dem Senat großspurig gute Rahmenbedingungen für alle Angehörigen der Goethe-Uni sicherstellen wollte – Versprechen, die sich bislang als reine Rhetorik erweisen. Stattdessen überlegt Vizepräsident Roger Erb bereits (verklausuliert und politisch ja nicht eindeutig, versteht sich), wie man durch die vom Zaun gebrochene Digitalisierung auch nach „Corona“ lästige Ressourcen wie Büroräume einsparen kann und durch massenhaftes Homeoffice die völlige Entgrenzung von Arbeit und Privatem voranbringt.

Was Präsidium und Kanzler sich zur technischen Infrastruktur an der Goethe-Uni zusammenreimen ist grotesk. Zur Infrastruktur wird eigentlich gar nichts gesagt: Sind ausreichend Server vorhanden? Werden Dozierende mit Equipment ausgestattet (oder müssen sie es privat bezahlen)? Können Studierende ohne finanzielle Mittel technisches Gerät ausleihen? Was wenn in einer studentischen WG die Internetleitung nicht ausreicht, wenn mehrere gleichzeitig Zoom nutzen? Die Präsidentin ist stolz auf OLAT (ein internes, digitales Forum). Okay, es buggt weniger als vor zwei Jahren, aber was genau ist die Innovation an Foren, deren Prinzip in den 1990ern erfunden wurde? Man könne darin eigene Wiki-Seiten anlegen… ok cool. Was „innovative“ digitale Didaktik sein soll, ist uns auch schleierhaft – vielleicht anzuerkennen, dass bestimmte Formate digital einfach nicht stattfinden können (ob sie im Präsidialgebäude überhaupt verstehen können, warum das so ist?)? In dem Papier der Hochschulleitung wird lediglich erwähnt, dass Seminare digital stattfinden. Wie und mit welchen Hürden wir Lehrenden und Studierenden zu kämpfen haben, wird elegant ausgespart. Übrigens: Um das digitale Semester zu ermöglichen, wurde eine eklatante Anzahl von Überstunden von technischem Personal, wissenschaftlichen Mitarbeitenden und studentischen Hilfskräften geleistet. Wie genau werden diese Überstunden abgegolten? Kein Wort aus dem Präsidium. Und wo wir schon von Infrastruktur sprechen: Sind Reinigungs- und Sicherheitskräfte eigentlich mittlerweile ausreichend geschützt? Zu Beginn der Pandemie haben wir erzählt bekommen, wie dem Reinigungspersonal Desinfektionsmittel und Atemmasken ausgingen, während der Kanzler als scheinbar besonders systemrelevante Person COVID-19 Tests bekommen habe – solch ein Szenario kann niemand wollen.

Es ist aberwitzig, dass sich die Hochschulleitung zum Semesterstart lediglich zur digitalen Lehre äußert und all die anderen Realitäten an der Goethe-Uni ausspart. Wir wissen nicht genau, welche Arbeits-, Studien- und Lebensrealitäten im Elfenbeinturm des Präsidialgebäudes alle nicht vorkommen – es scheinen einige zu sein.

Allen voran die Care-Arbeit. Auch in der aktuellen Krise kümmern sich insbesondere Frauen* um Kinder und pflegebedürftige Angehörige. Ihre Situation wird in der Stellungnahme nicht einmal erwähnt. Gibt es ausreichend Kita-Notbetreuung, sodass Frauen* mit Kindern ihrer Arbeit weiter nachgehen können? Erste Umfragen zeigen, dass die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen von Frauen* seit Beginn der Krise stark zurückgegangen ist. Mit welchen Maßnahmen plant das Präsidium diesem Problem zu begegnen? Und warum ist es nicht möglich, sich für Care-Arbeit bei vollen Bezügen von der Lohnarbeit freistellen zu lassen?

Mit Blick auf Risikogruppen scheint das Präsidium die Parole „digital gut, alles gut“ auszugeben. Digitale Kommunikation ist für Risikogruppen nicht die Lösung der Probleme, sondern gehört zum Mindestmaß gebotener Vorsicht. Die enorme Belastung, mit der Menschen aus Risikogruppen zur Zeit umgehen müssen, scheint sich niemand im Präsidialgebäude vorstellen zu können. Es wäre geboten, Menschen aus Risikogruppen bei vollen Bezügen freizustellen oder ihnen Rechtssicherheit zu geben, dass ihnen keinerlei Nachteile entstehen, wenn sie dieses Semester das Studium vernachlässigen. Anstatt sich mal wieder der gewohnten PR-Rhetorik zu bedienen, wäre es angebracht, dass die Hochschulleitung Konzepte entwickelt, wie die zukünftige Teilhabe von Risikogruppen am Universitätsbetrieb gewährleistet werden kann – bis zum Ende der Pandemie.

Peinlich wird es, als am Ende der präsidialen PR-Mitteilung zwei Fachschaftler_innen aus den Wirtschaftswissenschaften auf einmal repräsentativ für die gesamte Studierendenschaft sprechen und (was ein glücklicher Zufall) zufrieden mit dem digitalen Semester sind. Zahlreiche studentische Organisationen (wir haben nachgezählt: es sind 174 Organisationen und Initiativen, darunter auch der AStA der Goethe-Uni) kritisieren die miserable Lage von Studierenden und haben umfassende Forderungen aufgestellt. Wohl kaum zufällig werden diese kritischen Stimmen vom Präsidium ignoriert und es wird sich einfachster PR-Tricks bedient, um eine zufriedene Studierendenschaft zu suggerieren.

Achja, zu der Erklärung von Senat und Präsidium von Anfang April: Es ist bisher lediglich ein Punkt der Versprechen umgesetzt worden, nämlich die Aussetzung der Maximalbeschäftigung nach Wissenschaftszeitvertragsgesetz – und dafür sind weder Senat noch Präsidium verantwortlich, das hat das Wissenschaftsministerium entschieden.

Die Stellungnahme von Präsidium und Kanzler, die mehr an inhaltsleere PR-Rhetorik denn an seriöse Kommunikation in Krisenzeiten erinnert, zeigt, wie wenig die Leitungsgremien bereit sind, die Sorgen, Nöte und Herausforderungen der Beschäftigten und Studierenden auch nur verstehen zu wollen. Sie erweisen sich dadurch als ungeeignet, für gute Arbeits-, Forschungs- und Studienbedingungen an der Goethe-Uni während der „Corona“-Krise zu sorgen.

Für uns heißt das: Wir Mitarbeiter_innen, Studierende und Wissenschaftler_innen an der Goethe-Uni können uns auf den goodwill hierarchischer Leitungsgremien nicht verlassen. Wir müssen demokratische Gremien schaffen, in denen alle Angehörigen der Hochschule vertreten sind und deren Bedürfnisse und Interessen daher zum Ausgangspunkt für Entscheidungen gemacht werden.

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