Studium unter Ausnahmebedingungen: Offener Brief eines Studierenden

Studium unter Ausnahmebedingungen: Offener Brief eines Studierenden
„Frankfurt am Main – Wall“ by Picturepest (https://bit.ly/2A5IiHd), used under CC BY / no changes made.

Studierende haben während der “Corona”-Krise mit vielen Herausforderungen zu kämpfen: Weggefallene Nebenjobs, unklare Studiumsorganisation, technische Barrieren bei der digitalen Lehre etc. In einem offenen Brief wendet sich ein Student an die Öffentlichkeit der Goethe-Unversität – mit der Bitte, keinen zusätzlichen Druck auf Studierende auszuüben.

Anfang April hat Jona über die Situation von Medizinstudierenden geschrieben. Vera berichtet von ihrer Situation als wissenschaftliche Mitarbeiter_in und Promovierende in den Biowissenschaften.

Wenn du dir vorstellen kannst, selbst über deine Arbeits- oder Studienbedingungen während “Corona” zu berichten, melde dich bei oeffentlichkeitssekretariat [ät] unterbau [punkt] org. Wir unterstützen dich gerne beim Schreiben.


(27.04.2020)

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Goethe-Universität, ich schreibe Ihnen diese Zeilen in meiner Funktion als Student der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Beim Inhalt handelt es sich um meine private Meinung und keine professionelle Einschätzung der aktuellen Situation. Dies bitte ich zu berücksichtigen. Vielen Dank!

Die Corona-Krise stellt den Universitätsbetrieb vor eine große Herausforderung. Von daher habe ich großes Verständnis für nicht komplett durchoptimierte Abläufe und eventuelle Unebenheiten. An dieser Stelle möchte ich meinen Dank an all jene aussprechen, die die Universitäten vielen – teils unsichtbaren – Stellen sozusagen „am Laufen halten“ und mehr. Ein besonderer Dank gilt dabei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des HRZ, die in Nachtschichten beispielsweise flüssiges Video-Streaming ermöglichen.

Mein eigentliches Anliegen aber bezieht sich auf die Umsetzung der Online-Lehre. Ich bin mir der besonderen Umstände, wie beschrieben, durchaus bewusst. Von daher habe ich auch Verständnis für die stark eingeschränkten Möglichkeiten der Dozierenden. Leider stelle ich vermehrt fest, dass sehr viel Wert auf die Kontrolle der „Anwesenheit“ im Sinne von aktiver Mitarbeit gelegt wird. Die Überprüfung wird dabei mehrheitlich über wöchentlichefristgerechte und formal korrekte Einreichung von Aufgabenblättern vollzogen. Dies ist durchaus nachvollziehbar und auch sicher sinnvoll.
Was ich jedoch nicht nachvollziehen kann, ist der stellenweise enorme Aufbau von Leistungsdruck. In meinem Verständnis ist ein Studium ein Lernprozess, der vor allem auf Selbstständigkeit und Selbstkontrolle basiert. Momentan befinden sich auch viele Studierende in einer Ausnahmesituation. Teilweise muss für eine alternative Finanzierung des Studiums gesorgt werden. Dadurch entstehen eventuell andere (zeitliche) Anforderungen, da ganze Arbeitszweige (wie z.B. Gastronomie) komplett wegfallen. Teilweise müssen Kinder zuhause betreut werden. Teilweise sind die technischen Voraussetzungen zur Online-Lehre nicht verfügbar. Und bei einer so großen Anzahl von Studentinnen und Studenten ist nicht auszuschließen, dass Betroffene oder auch Todesfälle im näheren sozialen Umfeld zu verzeichnen sind. Oft kommen sicher mehrere dieser Komponenten zusammen.
All diese Punkte beziehen sich natürlich nicht nur auf Studierende, sondern auch auf die Dozierenden selbst. Ich bitte aus diesen Gründen eindringlich darum, vor allem in der Kommunikation und bei der Umsetzung der „aktiven Teilnahme“ keinen zusätzlichen Druck auf die Studentinnen und Studentenaufzubauen, sondern gemeinsam möglichst positiv durch diese Ausnahmesituation zu gehen. Die Befürchtung, dass sich Einzelne mit wenig Aufwand durch dieses Semester gleiten lassen, kann nicht zum Leitmotiv für die Allgemeinheit werden. Geben Sie den Studierenden die Möglichkeit,selbstständig und den Umständen angemessen am Studium teilzunehmen.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mein Anliegen verständlich darlegen!
Mit freundlichen Grüßen,
Lothar

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