Vorwärts bis zum Bratwurststand!

Am 28. April erschien in der in der Frankfurter Rundschau ein Artikel darüber, wie sich der unter_bau zum 1. Mai verhält. Dazu haben wir uns einen Kommentar erlaubt:

Dass eine Gewerkschaft von der Presse aufgefordert wird, doch gefälligst am 1. Mai auf die Straße zu gehen, hat Seltenheitswert. Natürlich freuen wir uns – es ehrt uns sogar –, wenn uns die Frankfurter Rundschau so viel Aufmerksamkeit zukommen lässt, dass sie einen ausführlichen Artikel allein darüber bringt, was der unter_bau am “Kampftag” der Arbeiter_innen nicht (!) macht. Danke, im Ernst! Allerdings trifft der Tenor des Artikels die Haltung unserer Gewerkschaft nicht besonders gut. Natürlich, das ist in gewisser Weise unvermeidlich, wissen wir doch, wie Journalismus funktioniert: Da müssen Statements selektiert oder runtergebrochen werden, um in einem begrenzten Format wiedergeben zu werden – mitunter geht dadurch Kontext verloren und wird der Sinn verzerrt. Als Freundin des komplexen Denkens empfindet man das oftmals als ärgerlich. Meist lässt man das trotzdem so stehen. Manchmal entlockt es uns aber doch den Wunsch, das etwas geradezurücken, ein kleines bisschen zumindest, und sei es nur mit einem Kommentar auf der eigenen Website.

Etwa dann, wenn ein Text – zumindest zwischen den Zeilen – so verstanden werden kann, wir würden sozusagen den Arsch nicht hochkriegen und übten uns ausgerechnet am 1. Mai in Zurückhaltung. Oder wenn es so klingt, wir würden uns von den Aktiven dieses Tages entsolidarisieren, sogar gegen sie wettern. Daher hier etwas zur Klarstellung:

Erstens: Natürlich hätte es uns gut zu Gesicht gestanden, auf dem 1. Mai präsent zu sein, mit eigenen Bannern Farbe auf die Gewerkschaftsdemo zu bringen, mit unserer mittlerweile doch recht stattlichen Organisation Eindruck zu schinden, ein soziales Event gemeinsam zu genießen. Allein, es würde uns alle nicht viel weiterbringen. Wir wissen nur allzu gut um den geringen Effekt des Schaulaufens auf Demonstrationen. Außerdem wäre es durchaus zu erwarten, dass wir dort unsere Energie darauf verwenden müssten, Prinzipienstreits über die Berechtigung von Alternativgewerkschaften zu führen. Wichtiger ist es uns hingegen, unsere Struktur an der Universität auszubauen. Auch als soziales Event, wo die Gewerkschaftsmitglieder mal in Feierstimmung zusammenkommen, taugt der 1. Mai nicht so recht für uns. Als Betriebsgewerkschaft sind unsere Mitglieder stets sehr nahe beieinander. Und an sozialen Events mangelt es im unter_bau auch wirklich nicht.

Zweitens: Weder üben wir Zurückhaltung am 1. Mai, noch geht es uns um ein Bashing der Teilnehmenden. Wir rufen halt nur nicht zur DGB-Demo auf, weil uns die Demonstration von (simulierter) Einheit – unter deren Motto ja auch die Demo steht: „Wir sind viele. Wir sind eins.“ – nicht so wichtig ist. Die muss es in unseren Augen auch nicht geben: Schließlich gehört es zu jeder demokratischen Kultur, dass es eine inhaltliche und organisatorische Pluralität an Ansätzen gibt. Und diese Pluralität hält ja auch nicht von einer praktischen, solidarischen Zusammenarbeit ab. Unsere Ambitionen lassen uns jedenfalls die Prioritäten anders setzen, wenn es darum geht: Werden knappe Ressourcen in die Mobilisierung zu symbolischen Demonstrationen gesteckt? Oder stecken wir sie in Workshops, in denen wir unsere Kompetenzen weiterentwickeln und Aktionswochen vorbereiten – damit konkrete Kämpfe an der Uni verbunden und gestärkt werden? Wir haben uns für Letzteres entschieden und führen am 1. Mai einen Workshop durch. Dies aber wohlgemerkt erst zur Mittagszeit. Damit unsere Mitglieder auch auf der Demo noch mitlaufen können.

Drittens: Natürlich freuen wir uns über alle Menschen, die für die Schaffung eines Bewusstseins als Lohnabhängige auf die Straße gehen. Aber wir hegen keinerlei Illusionen über die Bedeutung des 1. Mai heutzutage, der zu einem zahnlosen Ritual erstarrt ist, bei dem Bier und Bratwurst mehr im Vordergrund stehen als unsere Rechte. Auch uns ist die Geschichte des 1. Mai wichtig, hatte sie doch maßgeblich auch mit den Kämpfen von Einwander_innen und der Mobilisierung durch Basisorganisationen zu tun. Vor allem aber war dieser Tag einst tatsächlich ein „Kampftag“, der eingebettet in größere Kampagnen (wie für den 8-Stunden-Tag) war und oftmals mit Aktionen und Streiks einherging. Als arbeitsfreier Tag wurde ihm aber weitestgehend der Zahn gezogen. Um das zu verdeutlichen sei darauf verwiesen, dass in vielen Ländern – aus genau diesem Grund – der 1. Mai oftmals einen Tag später begangen wurde, wenn er auf einen arbeitsfreien Sonntag fiel. Und es ist gleichwohl bezeichnend (und beschämend), dass die deutschen Gewerkschaften früher genau andersrum verfuhren – und ihre Maikundgebungen auf den ersten Sonntag nach dem 1. Mai legten. Womit wir wieder beim DGB wären, der dieser seltsam zahnlosen Tradition entwachsen ist.

Viertens: Der FR-Autor wirft (wiedermal) die Frage auf, warum wir eigentlich nicht im DGB mitmachen – so viel würde einen doch nicht trennen. So viel Indifferenz wundert uns immer wieder. Denn eigentlich gehen wir davon aus, dass man an unseren Ausführungen zu dieser Frage gar nicht vorbeikommt, wenn man sich mit uns befasst. Beispielhaft seien hier genannt die Erläuterung unseres Konzepts, ein ausführlicher Artikel zu unserer ersten Podiumsdiskussion, der in überarbeiteter Version übrigens auch in der aktuellen Ausgabe des Express erschienen ist, aber auch ein früheren Kommentars, bei dem wir anlässlich eines Berichts des Deutschlandfunks die historische Dimension der Kritik am deutschen Spezifikum der Einheitsgewerkschaft in den Vordergrund gerückt haben. Außerdem empfehlen wir neben den Unterschieden in den politischen Vorstellungen – die der Autor durchaus zur Kenntnis genommen hat – einfach mal die Statuten der DGB-Gewerkschaften mit denen des unter_bau oder anderen Gewerkschaften außerhalb Deutschlands genau zu vergleichen. Man muss nämlich keine große Organisationssoziologin sein, um festzustellen, dass die DGB-Gewerkschaften in ihrer demokratischen Mitsprache äußerst eingeschränkt sind. Als demokratische und progressive Menschen (zumal mit Rückgrat) kann man da schon seine Bedenken haben.

Jedenfalls wären wir sofort Feuer und Flamme, wenn der DGB nur ansatzweise darüber diskutieren würde, den 1. Mai 2018 doch besser am 2. Mai zu begehen, für diesen Tag zu Aktionen aufzurufen und wichtige soziale Forderungen zu stellen. Oder wenn er erwägen würde, sich einen anderen Tag als neuen „Kampftag“ auszusuchen, der sich einem drängenden Problem der Lohnabhängigen widmet. Er hätte unsere volle Unterstützung. Wir als lokale Organisation können so etwas kaum auf den Weg bringen. Der DGB hätte die Macht dafür.

By the way: Heute, am 28. April, ist Workers Memorial Day, ein Tag der 1984 von nordamerikanischen Gewerkschaften ins Leben gerufen wurde, um denen zu gedenken, die aufgrund von kapitalistischer Arbeit getötet, verstümmelt, verletzt, krank oder psychisch zerrüttet wurden. Und an dem konkrete Aktionen für Arbeitsschutz durchgeführt werden. Er fand in vielen Ländern Verbreitung; zeitweise beteiligten sich rund 14 Millionen Menschen an ihm. In Deutschland (einem Land mit fast einer Millionen Arbeitsunfälle pro Jahr und fast 13 Millionen von Burnout Betroffenen) ist er nicht wirklich angekommen. Natürlich nicht.

Hier geht’s zum Artikel in der Frankfurter Rundschau: Zurückhaltung am 1. Mai.