150 Gründungsmitglieder: unter_bau-Kongress übertrifft die Erwartungen

Der Gründungskongress der alternativen Hochschulgewerkschaft unter_bau vom 18. bis 20. November in Frankfurt war feierlich, seriös und überwältigend. Ein Bericht von einem Wochenende, der auch vor Baustellen und Konflikten die Augen nicht verschließt.

„Wann kommt der Journalist vom Deutschlandfunk?“, „Hey Jungs, bitte helft mal eben, das Geschirr auszuladen“, „Wo ist das Awareness-Handy?“, hallt es am Freitagmorgen kreuz und quer durch das Studierendenhaus in Bockenheim. Auf Außenstehende wirkt die Situation chaotisch. Die Stimmen der rund dreißig Kolleg_innen zittern vor Anspannung, alle sind nervös, keine Frage. Aber Theresa und Malte, die den Kongress qua ihres imperativen Mandats koordinieren, geben keine gestressten Befehle. Alle wissen schon seit einer Woche genau, was sie wann zu tun haben. Das Durcheinanderlaufen hat also doch System.

Technikaufbau, Gästebegrüßung, Kinderbetreuung und Essenszubereitung laufen nach Plan, so dass es pünktlich um 15 Uhr mit dem Programm losgeht. Wer sich am Anmeldetisch als Gründungsmitglied registriert und fünf Euro entrichtet, darf teilnehmen. Diese Mini-Zugangshürde soll neben der Abdeckung der Kongresskosten eine gewisse Verbindlichkeit garantieren und die Ernsthaftigkeit der Eintretenden dokumentieren. „Weder Gesandte der Uni-Leitung noch mögliche andere Berufsquerulant_innen, wegen der wir diesen Schutzmechanismus unter anderem beschlossen haben, sind bisher aufgetaucht. Vielleicht haben wir sie jetzt schon eingeschüchtert“, bemerkt Anna Yeliz, während die ersten Workshops beginnen.

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Jonas erklärt die Grundideen, nämlich dass „wir eine umfassende Solidarität zwischen den Status- und Beschäftigtengruppen organisieren wollen, um Verbesserungen bei den Arbeits-, Studien und Wissenschaftsbedingungen zu ermöglichen. Darüber hinaus verfolgt der unter_bau ein hochschulpolitisches Programm, das auf eine grundsätzliche Umgestaltung der Uni in eine sozial ausgerichtete Hochschule in rätedemokratischer Selbstverwaltung abzielt.“ Im Programmatikworkshop wird eine ausgefeilte Analyse der neoliberalen Transformation von Universitäten vorgestellt – die sich nicht nur auf die Reformen der letzten Jahre, wie etwa Bologna, sondern bereits auf die in den 70er Jahren beginnende, systematische Unterfinanzierung der Hochschulen in der BRD zurückverfolgen lässt – und mit der Frage nach sinnvollen Gegenstrategien verknüpft. Matthias und Valentin stellen in einer parallelen Veranstaltung das Finanzierungskonzept vor, das für eine funktionsfähige Gewerkschaft essentiell ist.

jannis„Was mich am unter_bau sofort begeistert hat, ist der Spirit, die positive Energie und die Überzeugung, etwas bewegen zu können, wenn man gemeinsam daran arbeitet. Das scheint hier allgegenwärtig zu sein. Jetzt nach dem Kongress will ich mich intensiver mit Dingen wie der Satzung und der Geschäftsordnung auseinandersetzen, um zu sehen, wo ich mich selbst punktuell einbringen kann. Ich werde es wegen anderer Verpflichtungen nicht zu jedem wöchentlichen Treffen schaffen, freue mich aber trotzdem schon sehr auf die Zeit nach der Gründung und glaube an den Erfolg des Projekts.“ (Jannis, Hilfskraft)

Um 18 Uhr folgen die Begrüßung durch Pressesprecherin Conny, Grußworte von Gästen der SAC aus Schweden, der IWW aus den USA und der GG/BO, einer Gefangenengewerkschaft aus Deutschland. „Der wohl pathetischste Moment, den ich beim sonst ziemlich pragmatischen unter_bau je erlebt habe, war der Auftritt des “Roten Stern Chors“. Ich habe richtig Gänsehaut bekommen, als der Festsaal das ‚Solidaritätslied’ von Brecht gesungen habt“, lacht Daniel. Nach dem exquisiten Abendessen, von dem sich, wie Janina findet, „einige linke Voküs eine Scheibe abschneiden können“, ging es weiter mit einer Podiumsdiskussion. „Die Diskutierenden von unter_bau, der Mittelbau Initiative Dresden, Lernfabriken meutern und dem Forum kritischer Wissenschaften waren fast schon zu einig über die Beschissenheit der Verhältnisse, aber auch der Lerninhalte an Hochschulen“, findet Holger, wissenschaftlicher Mitarbeiter.

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Nach einem gemütlichen Ausklang in der von Harald und Marcus aufgebauten Whiskey-Bar beginnt am Samstagmorgen die konstituierende Sitzung. Alex und Daniel stellen die monatelang vorbereitete – trockene, aber unabdingbare – Geschäftsordnung und Satzung vor. Sie wird mit großer Mehrheit angenommen. Außerdem präsentiert Jonathan einen Entwurf des künftigen Grundsatzprogramms. „Die Frage der Trennung von Kopf- und Handarbeit müssen wir aber noch mal besprechen“, merkt Jonas an und Valentin nimmt es ins Protokoll auf. Alles wirkt gut durchdacht, dadurch bleibt die Stimmung entspannt, auch wenn es zu Meinungsunterschieden kommt. Die Inhalte der darauf folgenden Assoziationstreffen können an dieser Stelle zwar nicht wiedergegeben, aber ganz einfach bei einer der nächsten Sitzungen der Status- und Beschäftigtengruppen erfragt werden.

theresa„Ich bin seit ungefähr zwei Monaten beim unter_bau und bin hier beim Kongress direkt zur Finanzsekretärin gewählt worden. Ich freue mich darauf, mich in diese Struktur einzuarbeiten und will dafür sorgen, dass wir an ausreichend finanzielle Mittel kommen. Zum unter_bau bin ich gekommen, weil ich etwas gegen die Verschulung an der Universität und die Ökonomisierung von Bildung unternehmen wollte. Der Kongress war toll, einerseits gut organisiert, andererseits auch total lässig. Mir fällt wirklich gerade kein einziger Kritikpunkt ein. Das schwierige wird jetzt eher, sich auch weiterhin so zu konstituieren, dass man – gerade auch im Hinblick auf rechtliche Bestimmungen – wirksam tätig werden kann.“ (Theresa, Tutorin)

Insgesamt herrscht das ganze Wochenende über ein reges Kommen und Gehen. Auch die Presse nimmt Kenntnis und berichtet wohlwollend. Ob für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Jungle World oder das Neue Deutschland, der unter_bau scheint derzeit der Stern der Hoffnung über der prekären Bildungswüste zu sein. Plötzlich steht neben dem Reporter eine Genossin in der Tür, die extra ihren Erasmusaufenthalt unterbrochen hat, um zum Kongress zu kommen; die Freude ist groß. Dann hängt man im Foyer auf dem Sofa herum, diskutiert, trinkt, spielt und eine andere Genossin schreibt sogar zwischendrin ein paar Sätze an ihrer Masterarbeit weiter. Im Festsaal bei den Debatten und Abstimmungen ist es allerdings immer ruhig. Lotte, die am Samstag und Sonntag moderiert, geht Punkt für Punkt unnachgiebig durch, „damit wir dieses anspruchsvolle Programm schaffen, denn die nächste Gesamtvollversammlung ist erst wieder in einem Jahr“, sagt sie. Darüber regen sich wie immer manche auf, die gerne ausführlicher diskutieren wollen. Aber nach dem Kongress ist schließlich immer noch vor der Transformation. Wir sind lange nicht am Ziel und in diesem Punkt sind sich alle einig.

Nach einer durchzechten Nacht mit Punkrock-Klassikern und 90s-Hits folgen am Sonntagmittag die Wahlen für die insgesamt elf Sekretariatsposten. Bei diesem Tagesordnungspunkt zieht sich das Frauenplenum kurz zurück, um sich zu beraten, da für die paritätische Besetzung eine Frau zu wenig kandidiert. Unter der Bedingung, dass in allen Aufgabenbereichen Workshops zur Wissensweitergabe angeboten werden, um  Interessierte in die Position zu versetzen, sich zu engagieren und damit den unter_bau näher an die selbstgesteckten Quotierungsziele zu bringen, erlauben die Frauen eine temporäre Aussetzung der Quote. „Das Geschlechter-Missverhältnis müssen wir schnellstens angehen, wenn unsere Organisation anders sein soll als die der Uni“. Da stimmt der gesamte unter_bau Marisa, der designierten Sprecherin des Frauenplenums, zu. Danach werden erste Arbeitskreise (Internationales, Bildungswerk, Programmatik) eingerichtet.

fabian„Die Stimmung beim Kongress war ausgezeichnet, das Programm mal seriös, mal unterhaltsam, einfach die perfekte Mischung. Die Herausforderung wird jetzt sein, den unter_bau zu einem ernstzunehmenden Verhandlungspartner für die Universität auszuweiten und das Konzept weiterzuentwickeln, dass es von sämtlichen Mitgliedern gestützt wird. Ich bin beigetreten, weil ich den unter_bau als den adäquaten Hebel für politische Arbeit betrachte, die Gesprächskultur als auch die extrem gute Strukturiereung des Projekts überzeugend finde. Als nächstes lasse ich mich als Sekretär der Assoziation für Studis und Hilfskräfte aufstellen, weil ich Lust habe Veranstaltungen zu organisieren.“ (Fabian, Student)

Mit letzter Kraft schleppen die Mitglieder sich in Stellung für ein Gruppenfoto. Und sie strahlen wie noch nie. Die Zufriedenheit, der Stolz und die Erleichterung in ihren Gesichtern überdecken alle Augenringe. Auch Genoss_innen, die sich noch kurz vor dem Wochenende in die Haare bekommen haben, nehmen sich jetzt in den Arm. Zur Belohnung für alle gibt es einen eigens für den Kongress kreierten Cocktail und schicke Urkunden. Es ist geschafft: 150 Personen haben gemeinsam eine alternative Hochschulgewerkschaft gegründet, die der Neoliberalisierung der Hochschule entgegentreten und eine langfristige Transformation der Universität organisieren will. Von den Mitgliedern war das Wochenende über – anders als in anderen Gewerkschaften – der Großteil tatsächlich aktiv involviert. Bei dieser großen Zahl dürfte es nicht verwundern, dass in diesem Bericht nur exemplarisch einige Genoss_innen erwähnt und gewürdigt werden konnten.

kongress-farbeBesonders Gäste und neue Mitglieder fanden das Wochenende „überwältigend“, die Stimmung „motivierend“ und die Organisation „beeindruckend“. Eine interessierte Master-Studentin fand es „fast schon beängstigend, was der unter_bau bereits auf die Beine gestellt hat”. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass nach der Gründung weiterhin einige Fragen im Raum stehen: wie setzen wir unsere Forderungen durch, wie schaffen wir es, noch stärker externe Beschäftigte zum Mitmachen einzuladen? Dirk, ein studentisches Mitglied des Senats, fragt sich, wie viel Geld die Partys des unter_bau in die Streikkasse spülen werden? Die neue allgemeine Sekretärin, Anne, und Eike, der das viel gelobte Verköstigung auf die Beine gestellt hat, werden demnächst erst einmal einen Putz- und Aufräum-Workshop anbieten, da sie diesbezüglich am Ende des Kongress doch etwas enttäuscht waren – Stichwort: Aufteilung von Hand- und Kopfarbeit.

Liselotte Schmidt (unter_bau)

Ein Fotoalbum zum Kongress gibt es hier auf Facebook.

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