Kaum mehr als Halbwissen: Über den Zustand der Hochschule im Gegenwartskapitalismus

Zum fünften und letzten Teil der unter_bau-Veranstaltungsreihe „Hochschule – Lohnarbeit – Organisierung“ hatten wir am 22. Juni Alex Demirović zu Gast. Er ist außerplanmäßiger Professor an der Goethe-Universität und Senior Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In Publikationen wie Wissenschaft oder Dummheit hat er sich ausführlich mit der ideologischen Funktionsweise der Hochschule beschäftigt. Mit ihm diskutierten wir nicht nur die Verhältnisse an der Hochschule und deren Funktionsweise, sondern auch konkrete Hürden für Veränderungen und Ansatzpunkte für Kämpfe an der Hochschule.

Der Vortrag zum Nachhören (Teil I):

Der Vortrag zum Nachhören (Teil II):

Sonnenschein und Feierabendstimmung – immer mehr Studierende und Angestellte der Goethe-Universität versammeln sich an Adornos Schreibtisch auf dem IG-Farben-Campus. Ein Treffen zum Feierabendbier? Noch nicht. Denn von hier aus geht es zunächst zum Vortrag von Alex Demirović zur Rolle der Hochschule im Gegenwartskapitalismus. Da auch die restriktive Raumvergabe, kommerzielle Vermietung und Platzmangel Teil des problematischen Hochschulalltags sind, beginnen wir den letzten Vortrag der Veranstaltungsreihe mit einem gemeinsamen Gang über den Campus, der in einer spontanen Raumaneignung mündet.

Zu Beginn seines Vortrags möchte Demirović zwei Aspekte besonders klar gestellt haben, welche die Lage der Hochschulen in Deutschland kennzeichnen. Erstens sind sie längst nicht mehr die Elfenbeintürme, die sie einmal waren: Aktuell studieren rund 2,8 Millionen meist junge Menschen, und jedes Jahr kommt ungefähr die Hälfte eines Jahrgangs frisch für ein Studium an die Hochschulen. Akademische Bildung ist also immer noch nicht allen zugänglich, hat aber stark an Exklusivität verloren. Auch immer mehr Kinder von Arbeiter_innen können studieren. Dies hat allerdings erhebliche Auswirkungen auf die Inhalte und die Kontrollmechanismen an der Uni, wie  Demirović anschaulich zeigen wird. Zweitens beläuft sich das wissenschaftliche Personal an den Hochschulen nur auf ca. 285.000 Personen. Das Verwaltungs- und Infrastrukturpersonal erstmal außen vor gelassen, kommt der Universität somit nicht gerade die größte Bedeutung im Feld der Beschäftigungsmöglichkeiten zu.

Teddy's Treffpunkt

Teddy’s Treffpunkt

Und dennoch sind die Hochschulen zentral für die gesellschaftlichen Abläufe, vor allem wegen ihrer Funktion für die Berufsausbildung und der Wissensvermittlung generell. Durch die Universität gibt die Gesellschaft Wissen an die nächste Generation weiter, reproduziert sich also in ihren Wissensbeständen. Deshalb ist es wichtig, sich anzuschauen, wie und mit welchen Inhalten in der Universität verfahren wird. Feststellbar ist etwa, dass dort Wissen nach Disziplinen geordnet und getrennt ist. Dies ist schon ein erster Hinweis darauf, dass Wissen instrumentell betrachtet wird: es soll bestimmten Professionen dienen und nicht einfach der Erkenntnis. Für Studierende zählt damit oft primär, dass sie ein offizielles Diplom in der Tasche haben. Überhaupt geht es oft um den Erwerb von Titeln und die Erfüllung von Kennzahlen: die Zahl der Absolvent_innen, die Summe der Drittmittel, die Anzahl der Zitationen usw.

Die Uni als Ausbildungsstätte

Auch mit der Öffnung der Hochschulen muss der Zugang durch verschiedene Zulassungsbeschränkungen restriktiv gestaltet bzw. eingeschränkt und strukturiert werden. Es gibt feste, „objektive“ Kriterien, nach denen befunden wird, wer für ein bestimmtes Studium taugt oder nicht. Dass eine Auswahl nach der Abiturnote nicht sehr aussagekräftig ist, ist allgemein bekannt –  gemacht wird es trotzdem so. Es ist zudem zu betonen, dass in Deutschland die geringe Durchlässigkeit des Bildungssystems schon mit dem dreigliedrigen Schulsystem hergestellt wird und nicht erst bei den Immatrikulationshürden der Universität einsetzt. Dass es überhaupt zur Öffnung der Hochschulen in den 1970er Jahren kam, erklärt Demirović vor allem mit der Krise des Fordismus, also des auf Massenkonsum und Vollbeschäftigung basierenden Wirtschafts- und Regierungssystems der Nachkriegszeit. Als dieses Modell nicht mehr so gut funktionierte, wollte man den Arbeitsmarkt entlasten und schickte immer mehr Menschen an die Uni, um sie dort zu „parken“. Das hat dazu geführt, dass es inzwischen nicht nur Kindern des Bürgertums, sondern auch der Arbeiterklasse in großem Maß möglich ist, an die Uni zu kommen.  Da 70 Prozent der Studierenden heutzutage sich (zum Teil) selbst finanzieren und lohnarbeiten müssen – womit sie zumindest während ihres Studiums Teil der Arbeiterklasse sind –, sollte sich eine klassenorientierte  bzw. kapitalismuskritische Linke mit ihren Projekten nicht nur an den sozialen Gruppen außerhalb der Uni orientieren.

Auch fließt mittlerweile viel Kapital, das der Ausbildung von  qualifizierten Arbeitskräften dient, nicht direkt in die Produktion, sondern in die Universität. In Deutschland etwa ist die Gesellschaft schon so stark ausdifferenziert und arbeitsteilig, dass wissenschaftliches Wissen immer wichtiger wird und in verschiedenen Kontexten von einer Wissensgesellschaft gesprochen wird. Vor 50 oder 100 Jahren hat sich das Bürgertum noch viel stärker selbst erhalten und sein Wissen nur intern weitergegeben. Hauptsächlich die Söhne von Unternehmern konnten studieren. Ihre Aufgabe, nach dem Studium das familieneigene Unternehmen zu übernehmen, war dabei oft schon vorbestimmt. Das Kapital musste also wenig Sorge haben, dass das an der Universität (re-)produzierte Wissen genutzt wird, um die herrschenden Verhältnisse in Frage zu stellen. Heute werden aber eben viele gut ausgebildete Fachkräfte gebraucht, weswegen der Zugang zum Wissen für immer breitere Gesellschaftsschichten unumgänglich ist. Dies birgt für das Kapital potentiell die Gefahr, dass das Wissen genutzt wird, um über Alternativen nachzudenken, und sich letztlich gegen die herrschenden Verhältnisse richtet.

Das Publikum sammelt sich

Das Publikum sammelt sich

Kontrolliertes Wissen

Durch die starke Öffnung musste sich auch die Institution selbst verändern und zwar vor allem hin zu mehr Steuerungs- und Kontrollmechanismen und neuen Disziplinierungsmaßnahmen. Diese setzen an allen Teilen der Uni an und ergeben neue Formen der Wissensvermittlung und Wissensgenerierung. Schlagworte, die wir alle kennen, sind hier: Bologna-Reformen, Rankings, Drittmittel, Publikationsindizes. Aber was steckt hinter diesen Dingen, die die einzelnen Mitglieder der Uni meist primär in ihrer Arbeit stören? Demirović beschreibt das heutige, modularisierte Studium als den Studierenden äußerlich bleibende Ware, die diese „Kunden“ konsumieren können. Dies ist gesamtgesellschaftlich ein ganz anderes Verständnis als beispielsweise in den 1970ern, als ein Studium als Arbeit oder Investition für die Gesellschaft verstanden wurde und eine elternunabhängige Entlohnung diskutiert wurde. Dadurch hat die Vereinzelung der Studierenden in der Wettbewerbsgesellschaft fruchtbaren Boden. Ein Kollektiv im Sinne einer Gruppe, die sich gemeinsam mit interessanten Inhalten auseinandersetzt, soll dabei nicht entstehen. Der freiwillige Lesekreis ist nichts, was die Uni gerne sieht. Somit findet an der Uni laut Demirović immer weniger das statt, was eigentlich einen Bildungsprozess ausmacht, und die Leute wenden sich den Kollektiven Nation oder Familie zu, um sich aufgehoben zu fühlen.

An der Goethe-Uni zeigt sich dieser Wandel über Bologna hinaus besonders stark: Seit 2008 eine Stiftungsuniversität, konnten hier Formen des „New Public Management“ (Managementformen aus der freien Wirtschaft, die auf öffentliche Institutionen angewendet werden), besonders gut eingeführt werden und zum Tragen kommen. Ziele, die dort im Vordergrund stehen, sind etwa eine sehr spezialisierte Profilbildung statt breiter Wissensvermittlung, auch um die Drittmitteleinwerbung zu verbessern. Dass die Goethe-Uni hier gut aufgestellt ist, sich aber auch noch weiter professionalisieren soll, führte die neue Präsidentin Birgitta Wolf erst kürzlich wieder in einem Interview aus. Gleichzeitig wird die Öffnung zur Gesellschaft hin, v.a. gegenüber den Stifter_innen, betont. Dabei wird weggelassen, dass es weniger um deren Liebe zum Wissen geht, sondern bestimmte, finanzstarke Interessen in die Uni hineingetragen werden. Teil dieser Steuerung und gleichzeitig Grundlage, um diese zu erhalten und auszuweiten, ist die festgeschriebene professorale Mehrheit, welche die Interessen der Studierenden sowie der sonstigen Beschäftigten von vornherein in Gremien marginalisiert. Sie ist nicht nur eine Festlegung des Gesetzgebers, sie wurde auch höchstrichterlich vom Bundesverwaltungsgericht 1973 bestätigt (BVerfGE 35, 79 – Hochschulurteil).

Auch die Steuerungsmechanismen von Bund und Ländern fügen sich in den Wandel ein. Durch neue Vergabesysteme für Gelder statt einer soliden Grundfinanzierung wird ein verstärkter Wettbewerb eingeführt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der staatliche Verband zur Förderung von Wissenschaft, vergibt auf Bewerbung Gelder für Forschungsprojekte. Es fließen also immer noch sehr viele staatliche Gelder an die Unis, aber auch diese müssen aktiv als Drittmittel eingeworben werden. So ist das akademische Personal, vor allem der Mittelbau, recht häufig mit dem Ausfüllen von Anträgen beschäftigt, statt mit Forschung und Lehre. Die Ablehnungsquote für die Forschungsanträge an die DFG beträgt laut Demirović zwischen 80 und 90 Prozent. Der Großteil der Arbeit war also umsonst, die Zeit wurde dem Resultat nach verschwendet.

Du kommst hier nicht rein

Reisegruppe Demirovic

Reisegruppe Demirovic

Die Verknüpfung von Kontrollmechanismen für Dozierende und Studierende einerseits und die von der Äußerlichkeit und Herrschaftsförmigkeit des Wissens andererseits führt Demirović dann weiter zusammen: Die Dachverbände der Fachdisziplinen legen fest, welches die einschlägigen, zentralen Journals für ihre Disziplin sind. Damit ist klar, dass jede Person, die in diesem Gebiet an der Uni arbeiten will, in diesen publizieren muss. Journals sind aber keine neutralen, weißen Blätter, die zu Trägern von beliebigen, interessanten Texten werden. Ganz im Gegenteil: Journals können bestimmten Forschungsrichtungen und Denkschulen zugeordnet werden; d.h., die Artikel müssen einen bestimmten Aufbau haben, bestimmte Methoden verwenden, bestimmte Themen behandeln, die gerade im Trend sind. Sonst hat man schlechte Karten, den eigenen Artikel jemals dort unterzubringen. Damit werden ein Großteil kritischen Wissens, die Infragestellung des Mainstreams, andere Themen und Perspektiven recht erfolgreich marginalisiert. Die Praktiken betreffen also direkt alle Personen, die an der Uni in Lehre und Forschung arbeiten wollen. Das geht so weit, dass Dozierende sich im Privatleben etwa als kapitalismuskritisch bezeichnen und in der Forschung am „objektiven“ Wissen zu arbeiten versuchen.

Dieses Wissen wird nun in den Seminaren an die nächste Generation weitergeben. Und so ist klar, dass auch hier vor allem die Themen und die Artikel aus den immer gleichen Journals in den immer gleichen Formen behandelt werden. Für Studierende ist diese Form des Wissens erst einmal das Normale, gar das einzige, was sie kennen. Ein Abweichen von diesem – der Besuch eines autonomen Tutoriums beispielsweise oder auch nur das Lesen eines Buches in der Bibliothek statt des Erstellens einer Präsentation – muss also aktiv gewollt und gegen die Erwartungen von außen durchgesetzt werden. Auch die Neubesetzung von Professuren ist ein wichtiges Moment, an dem man sieht, nach welchen Kriterien sich die Universität heute ausrichtet. Viele innovative Denker_innen, die auch noch heute an der Universität unterrichtet werden, hätten nach diesen gewiss keine bekommen. Denn auch bei der Berufung steht die Frage nach der Zahl der Veröffentlichungen in den international „sichtbaren“ Mainstreamjournals weit oben auf dem Wunschzettel. Demirović spitz zu, dass es bald gar keine Auswahlgespräche mehr geben muss, da die Kriterien so formalisiert und unpersönlich sind, dass ein Zitationsindex als Entscheidungsgrundlage ausreicht.

Das Wichtigste in Zeiten von abnehmender Grundfinanzierung ist aber die Frage nach der Höhe der Drittmittel, welche die Person mitbringt. Und hier gilt noch mehr das, was auch für das Erscheinen in Journals gilt: Wer Geld für seine Forschung generieren will, muss bestimmte Themen mit bestimmten Methoden möglichst effizient erforschen, nicht einfach einen Gegenstand ergebnisoffen bearbeiten. Interessen und Kenntnisse in der Lehre sind dagegen wenig entscheidend und müssen durch standardisierte Fragebogen-Evaluationen nachgewiesen werden.

Der Referent

Der Referent

Institutioneller Wandel und Bildung

Demirović bleibt nicht bei einer reinen Analyse stehen, er spricht sich auch dafür aus, sich diesen Formen aktiv entgegenzusetzen. Und das nicht nur aus Idealismus: Wir sind diejenigen, die das System weiter aushalten müssen, und das ist eine ziemliche Zumutung. Das Relevante ist dabei das, was langfristig wirkt, also über die fluktuierenden Generationen an der Uni hinaus erhalten bleibt. Genau diese kontinuierliche Arbeit ist der Zweck des unter_bau. Man kann dabei mit kleinen Widersprüchen beginnen. Demirović hat beispielsweise selbst die Petition gegen die Exzellenzinitiative unterzeichnet; die Deutsche Gesellschaft für Soziologie ist bereits vor einigen Jahren aus dem Ranking-System ausgestiegen. Man muss zumindest kleine Risse herstellen. In den Gremien, meint er, könne man sich schnell „verkämpfen“, denn sie fressen viele Ressourcen; sie können aber auch wichtig sein für Interventionen.

Für Demirović ist neben dem institutionellen Wandel vor allem am rationalen Kern des Wissens und den Subjekten selbst anzusetzen. Deshalb ruft er dazu auf, auch inhaltlich Veranstaltungen zu kritisieren, um das Herrschaftswissen und seine Disziplinierungseffekte aufzubrechen. Es ist erst einmal normal, dass man sich herrschaftskonform verhält, also in Denkbahnen bewegt, die unsere Gesellschaft zur Verfügung stellt. Aber durch den einen oder anderen „Paulusmoment“ könne eine Art Sprunginnovation vom Pfadfinder zum Linksradikalen stattfinden. Plötzlich sieht man vieles anders und einem wird klar: damit sich alle beteiligen können, muss sich einiges grundlegend ändern. Die bedeutet für Demirović tatsächliche Bildung. Eine intensive Auseinandersetzung mit Inhalten und mit sich selbst und seinem Bezug zur Welt. Die Kenntnisse müssen in die Person eindringen und diese selbst verändern. Dazu braucht es Diskussionen, ein soziales Umfeld, mit dem man sich austauschen kann – und Zeit.

Dieser persönliche Bezug widerspricht natürlich den heute vorherrschenden Kriterien für Wissenschaft: Uninteressiertheit, Objektivität, Wertneutralität. Heute gehen die meisten Studierenden deshalb ohne große Persönlichkeitsentwicklung aus der Uni heraus. Sie sind dann, wie gewünscht, fähig das herrschaftsförmige Wissen in anderen Gesellschaftsbereichen im Sinne des Systems anzuwenden, sie ecken nicht an, sie fallen nicht auf. Demirović geht so weit zu sagen, dass viele Akademiker_innen kaum mehr als Halbwissen besitzen und mit ihrem langweiligen, technokratischen Wissen verdummen.

Plus Organisierung

Für Nachzügler_innen

Für Nachzügler_innen

Eine Organisation wie der unter_bau kann daher helfen, solche Paulusmomente zu schaffen und sie in eine kontinuierliche Arbeit zu überführen, die ihre Spuren hinterlässt. Denn ein weiterer kritischer Punk nach der Politisierung ist, dass mit 30 alle Leute wieder „vernünftig“ werden. Nachhaltige Veränderungen an der Uni gab es daher zumeist durch größere, organisierte Bewegungen – auch wenn vieles davon vereinnahmt wurde. Die Friedens- und Ökologiebewegung in den 1980ern zum Beispiel, die auch stark von Naturwissenschaftler_innen getragen wurde. Oder die kritischen Mediziner_innen, die alternative Versorgungspraxen diskutiert haben und durch die Gründung von Medico International immer noch umsetzen.

Für eine freie Gesellschaft sieht Demirović dementsprechend eine ganz anders strukturierte Universität vor sich. Vor allem das Ideal, dass einzelne Leute für immer an der Uni bleiben und sich 40 Jahre in einer Disziplin befinden, sollte es nicht mehr geben. Diese auf die Spitze getriebene Arbeitsteilung muss aufgebrochen werden. So könnte man, angelehnt an Marx, vielleicht drei Jahre in einem Forschungszusammenhang Wissenschaft betreiben und dann wieder drei Jahre in anderen Bereichen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung mitwirken. Damit könnte man ein vielseitigeres und erfüllteres Leben haben. Auch für die jetzige Gesellschaft gilt: Wissenschaftlich Arbeiten und diskutieren kann man auch in anderen Formen, auch wenn das ebenfalls nicht leicht ist. Demirović appelliert auf jeden Fall an alle, ob man an der Uni bleibt oder nicht, die Theorie auf keinen Fall zu verwerfen und keine Ressentiments gegen sie zu bekommen. Die Fähigkeit, dass wir Menschen uns die Welt begrifflich aneignen, und die Tatsache, dass dies ein kollektiver Prozess ist, darf nicht vergessen werden. Die Linke ist schwach in Deutschland, und es gibt außerhalb der Uni nur schwache Diskussionszusammenhänge. Es braucht aber eigene Theorieprozesse, eigene Verweisungszusammenhänge – man kann sich nicht nur auf die Universität verlassen.

Der unter_bau ist weder bereit, die momentane institutionelle Ausgestaltung der Uni zu akzeptieren, noch sind wir mit den Inhalten, die dort vermittelt werden, einverstanden. Wer das Vorherrschende als normal und unveränderlich sieht, wird weder neue Kenntnisse, noch ein anderes Zusammenleben erreichen. Druck aufzubauen, um den Ausstieg aus dem Kontrollsystem der Rankings auszuweiten, wäre zum Beispiel ein kleiner, konkreter Ansatzpunkt, von dem aus der unter_bau mehr Raum und Zeit schaffen könnte, um sich wirklich mit Inhalten auseinanderzusetzen.

Janina Hirth (unter_bau)