Frau muss sich organisieren! Feminismus in der gewerkschaftlichen Praxis

Am 2. Juni organisierte der unter_bau einen feministischen Austausch an der Goethe-Universität. In unserer Mitte begrüßen durften wir dabei Dagmar Comtesse, promovierte Mitarbeiterin am Exzellenzcluster „Normative Orders“ und Mutter von zwei Kindern. Sie unterrichtete u.a. zum Thema „Männliche Republik“ und ist derzeit Mitglied der Society for Women in Philosophy. Zuvor war sie Mitglied der Fem-Phils und aktiv als Frauenrätin im Fachbereich 08. Sie erläuterte die Probleme, mit denen sich insbesondere Frauen im Mittelbau konfrontiert sehen. Darauf und auf anderen Erfarungen aufbauend, wurde diskutiert, wie sich der Problemzusammenhang von Studium, Arbeit und Geschlecht organisiert angehen lässt. Ein Bericht von Pia Dörgeloh & Rose Altmüller.

Anfang Juni sind über 30 Frauen* aus verschiedensten Statusgruppen der Goethe-Universität Frankfurt dem Aufruf des unter_bau gefolgt und haben sich zu einem feministischen Austausch getroffen. Es wurde über Geschlechterverhältnisse an der Hochschule und über eigene Erfahrungen mit Benachteiligungen aufgrund von Geschlecht und Sexismus gesprochen. Die Anwesenden diskutierten, wie entsprechende Missstände von einer kämpferischen Basisgewerkschaft aufgenommen und strategisch angegangen werden können.

Alle sind prekär beschäftigt, aber keiner spricht drüber

Feministischer Austausch statt Frauentausch

Feministischer Austausch statt Frauentausch

Zu Beginn teilte Dagmar Comtesse, promovierte Mitarbeiterin am Exzellenzcluster „Normative Orders“ und ehemalige Frauenrätin, ihre Erfahrungen als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit den Anwesenden. Dabei betonte sie insbesondere die Prekarisierung aufgrund kurzer, befristeter Verträge und den ständigen Druck, möglichst viel zu publizieren. Diese Probleme würden aber nur selten unter Betroffenen besprochen, da alle in Konkurrenz zueinander stünden, eine längerfristige Anstellung an der Universität zu bekommen. Aufgrund des ständigen Zeitdrucks werde dann zwar abstrakt über Probleme diskutiert – so zum Beispiel über die Analyse von Machtstrukturen –, aber nicht darüber, wie ebendiese Machtstrukturen konkret bekämpft werden können, etwa dadurch, dass frau sich organisiert. Für Systemkritik sei keine Zeit – denn sind die Verträge zu kurz, muss zu viel publiziert werden und der Lebenslauf angereichert und verschönert werden. Grundsätzlich fehle ein „Statusgruppenbewusstsein“ als Gegenlinie zu den Professor_innen.

Der Zeitdruck, so Comtesse, steige umso mehr, wenn frau sich den „Luxus“ von Kindern leiste. Zum wissenschaftlichen Beruf gehöre (heute) eben, flexibel Mehrarbeit zu leisten und häufig zu Konferenzen zu fahren. Kinder seien da ein Hindernis. Außerdem gewährten die kurzfristigen Verträge keine Planungssicherheit. Promotionsstipendien schlossen sogar den Bezug von Elterngeld aus. Diese extrem prekären Verhältnisse an der Universität treffen Frauen also härter als ihre männlichen Kollegen, auch da sie es schwerer haben, eine der wenigen, begehrten und meist von Männern besetzten Professuren zu  ergattern.

Feministische und machtkritische Theorie – aber bitte keine Praxis

Eine Möglichkeit, die Probleme anzugehen, sei, sich in den verschiedenen Gremien – wie dem Frauenrat oder Fachbereichsrat – oder als Frauenbeauftragte einzubringen. Allerdings agiere frau dort systemimmanent, und unangenehmen Kritikerinnen werde schon einmal der Mund verboten, wie Comtesse eindrucksvoll zu berichten weiß. Außerdem würden sich viele vor allem in diesen Gremien engagieren, um die eigene Karriere voranzutreiben – für die „Lebenslaufverschönerung“ eben. Nichtsdestotrotz betonte Comtesse, dass die Gremien nützlich sein können, um an wichtige Informationen zu gelangen: Wie sieht es mit der Ausfinanzierung bestimmter Lehrstühle aus? Wie wahrscheinlich ist eine Vertragsverlängerung?

Dagmar Comtesse

Dagmar Comtesse

Von ihren Erfahrungen in Gremien konnte Comtesse zudem berichten, dass progressive Theoretiker_innen nicht unbedingt Haltung in der Praxis zeigen, wenn es um Belange von Wissenschaftlerinnen geht. Dagegen könne es schon einmal überraschen, wer sich so aus der höheren Statusgruppe solidarisiert und unterstützend wirkt. Auch dies sind wichtige Informationen, die aus der Gremienarbeit gewonnen werden können. Comtesse ist außerdem Mitglied bei Society for Women in Philosophy (SWIP). Aber auch hier empfindet sie die abstrakte Solidaritätsanforderung bei gleichzeitigem Austausch unter Konkurrentinnen als ambivalent. Wie kann also der Konkurrenzkampf durchbrochen werden, um wirklich Systemveränderung – denn darum gehe es laut Comtesse – zu erzielen?

Sekretärin spült ab, Studentin hört zu – aber das hat doch nichts mit Geschlecht zu tun!

Nach dem spannenden Input von Comtesse (wenn auch mit hohem Frustrationspotential) besprachen die Anwesenden in ihren Statusgruppen, wie ungleiche Geschlechterverhältnisse sich an der Universität zeigen und wie diese geändert werden können. Anschließend wurden die Ergebnisse der Diskussionen in der gesamten Runde zusammengetragen und überlegt, wie sich diese in gewerkschaftlichen Forderungen und Strategien widerspiegeln könnten. Die administrativ-technischen Mitarbeiter_innen berichteten, dass viele Aufgaben trotz tariflich geregeltem Lohn geschlechtlich hierarchisiert werden. So sei etwa selbstverständlich, dass Mitarbeiterinnen für die Kaffeeküche zuständig sind. Auch würde niedriger entlohnte Arbeit eher an Frauen vergeben, wohingegen höher entlohnte Positionen an Männer gingen. Das gleiche gelte für die Entfristung von Verträgen.

Austausch3

Gespräche in den einzelnen Statusgruppen

Studierende und studentische Hilfskräfte erzählten von dominantem männlichem Redeverhalten in Vorlesungen und Seminaren, welches vor allem Studentinnen vor aktiver Teilnahme zurückschrecken ließe. Und selbst in Studierendenvertretungen würden Wissenshierarchien nach Geschlecht verlaufen und so vor allem Studentinnen den Zugang erschweren. Auch in Bezug auf Forschungs- und Lehrinhalte sei das Thema Gender marginalisiert. Feministische Inhalte kämen nur in einzelnen Seminaren vor. Wer einfordert, diese mehr zu beachten, stoße oft auf Feindseligkeit.

Forderungen: Sexismus entblößen und Lehrstühle abschaffen

Anwesende aus dem Mittelbau forderten die Abschaffung der Lehrstühle, um die starke Abhängigkeit von der „Führung“ einer Professur und die starke Hierarchisierung zu entschärfen. Dass am Lehrstuhl nicht nur materielle Zwänge von Forschungstrends und ähnlichem herrschen, sondern die Herrschaft oft feudale Züge trägt, bestätige sich schließlich in der Analyse immer wieder. Entfristete Stellen würden zusätzlich dazu beitragen, den ständigen Wettbewerbsdruck zu beseitigen und Lehre kontinuierlicher zu gestalten. Die administrativ-technischen Mitarbeiter_innen forderten wiederum eine familienfreundliche  Universität. Und die Hilfskräfte forderten eigene Räume zur besseren Kommunikation untereinander und Unabhängigkeit von Vorgesetzten, um sich über Probleme überhaupt austauschen zu können. Studierende schlugen zudem vor, ein Sexismus-Ranking von Lehrstühlen und Lehrenden zu veröffentlichen, um mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen.

Der letzte Vorschlag wurde in Verbindung gesetzt mit Comtesses Anmerkung, wie wichtig es sei, Namen zu nennen und zu wissen, wer Unterstützung für Frauenanliegen bieten könnte und wer nicht. Dies soll natürlich nicht heißen, dass einzelne Personen an den ungleichen Geschlechterverhältnissen schuld seien; dennoch reproduzieren wir diese mit unserem Verhalten mehr oder weniger stark, und der öffentliche Verweis auf Probleme kann sowohl Druck auf einzelne Personen ausüben als auch eine breitere Debatte anstoßen.

Gemeinsam umbügeln und gar nicht mehr bügeln

Hiwis tauschen sich aus

Studentische Hilfskräfte tauschen sich aus

Eine Gewerkschaft, wie sie der unter_bau plant zu werden, kann als Plattform dienen, die verschiedenen Statusgruppen zu organisieren und untereinander zu vernetzen. Sie kann einen Schutzraum bieten – ohne die ständige Konkurrenz am Arbeitsplatz und mit der Möglichkeit, sich zu solidarisieren und zusammenzutun. Gerade bei fachbereichsübergreifenden Analysen und Aktionen ist es einfacher, solidarisch zu handeln und gleichzeitig Probleme grundlegender anzugehen. Der unter_bau hat jetzt schon ein Frauenplenum, welches genau dafür genutzt werden kann.

Der Austausch hat auf jeden Fall deutlich gemacht, wie wichtig es ist, sich zu organisieren, um Veränderungen zu erzielen. Eine politische Gewerkschaft, die Inhalte und Ziele nicht nur auf die Forderung nach höheren Löhnen beschränkt, bietet eine reale Möglichkeit, Geschlechterhierarchien an der Universität umzubügeln!

Pia Dörgeloh & Rose Altmüller (unter_bau)

Forderungen

Forderungen

* Wir verstehen die Geschlechtskategorie – Frau/Mann bzw. weiblich/männlich – als soziales Konstrukt. Die gesellschaftliche Zuschreibung muss also nicht mit der persönlichen Identifizierung übereinstimmen. Gleichzeitig ist die Unterteilung in zwei Geschlechter und die Diskriminierung nach Geschlecht eine Realität, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, um sie abzuschaffen. Nachfolgend sprechen wir daher von „Frauen“ und meinen damit alle, denen dieses Geschlecht gesellschaftlich zugeschrieben wird.

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