Scholz für Anfänger: Über Arbeit und Geschlechterverhältnis im Kapitalismus

Am 17. Mai fand die zweite Veranstaltung der unter_bau-Reihe „Hochschule – Lohnarbeit – Organisierung“ statt. Diesmal ging es um Geschlechterverhältnisse und eine feministische Perspektive auf Arbeit und Kapitalismus. Dazu lud der unter_bau die Publizistin und Buchautorin Roswitha Scholz ein, die u.a. als Redakteurin der Zeitschrift EXIT! tätig ist. Sie greift sowohl marxistische Theoriebildung als auch die der Frankfurter Schule auf und wendet diese radikal feministisch. Sie ist bekannt für ihr Theorem der Wert-Abspaltung, auf dem auch ihr Vortrag aufgebaut hat. Da dieser sehr voraussetzungsvoll und theoretisch war, soll der folgende Bericht ihre theoretischen Grundannahmen möglichst einfach darstellen.

Der ganze Vortrag zum Nachhören:

Teddy's Treffpunkt

Teddy’s Treffpunkt

Meistens sind es doch noch Frauen, die Hausarbeit und Kindererziehung übernehmen. Es gibt unzählige Statistiken, die belegen, dass Frauen im Durchschnitt weniger als Männer für die gleiche Arbeit verdienen. Auch an der Goethe-Universität sind Diskrepanzen festzustellen: Gerade mal 17 Prozent der Professor_innen sind weiblich (siehe dazu hier), obwohl über die Hälfte der Absolvent_innen Frauen sind. Zwar wird das Präsidium der Goethe-Universität mittlerweile von einer Frau geführt wird, doch hat sie das trotz ihres Geschlechts geschafft. Ihre Politik gibt keinen Aufschluss, wie sich die Lage anderer Frauen verbessern soll.

Scholz’ Kritik am angeblichen Hauptwiderspruch und alten Marxisten

Referentin Roswitha Scholz

Referentin Roswitha Scholz

Inwieweit hängt dieses Geschlechterverhältnis mit der kapitalistischen Produktionsweise zusammen? Was hat es mit Lohnarbeit und anderer, weniger sichtbaren Arbeit wie der im Haushalt auf sich? Scholz macht zu Beginn ihres Vortrags deutlich, dass in unserer Gesellschaft Arbeit nachwievor in weiblich konnotierte, private, unentlohnte Hausarbeit und öffentliche, männlich konnotierte Lohn- oder Erwerbsarbeit aufgeteilt ist. Aber ohne saubere Klamotten, Abendessen und Kinderbetreuung dank der Frauen können auch Männer nicht arbeiten gehen. Dabei kann es auch Frauen geben, die Karriere machen, und einige Männer geben, die im Haushalt helfen. Entscheidend ist die allgemeine Zuschreibung: Tätigkeiten werden nicht als Arbeit gesehen, weil es für sie keinen Lohn gibt und sie formell nicht zum BIP beitragen.

Der „traditionelle Arbeiterbewegungs-Marxismus“ greift, laut Scholz, zu kurz, denn dieser fokussiere bloß auf die Aneignung des Mehrwerts durch die Kapitalistenklasse und fordere eine gerechtere Verteilung dessen. Er suggeriere, dass das Geschlechterverhältnis nur ein Nebeneffekt des Widerspruchs zwischen Lohnarbeit und Kapital sei. So einfach sei das mit der Kapitalismuskritik allerdings nicht. Es reiche nicht aus, alles nur mehr zu verteilen. Wertkritiker_innen wie Scholz setzen daher schon früher an und kritisieren, dass die Gesellschaft generell durch Waren und deren Wert bestimmt sei – und was nicht unter diese Kategorien fällt, bleibe unsichtbar.

Wert? Was ist das eigentlich?

Wert wird aus marxistischer Sicht durch abstrakte Arbeit – also die männlich dominierte Erwerbsarbeit – geschaffen. Diese gibt es nur in der bürgerlichen Gesellschaft, in der arbeitsteilig, aber unkoordiniert produziert wird und deshalb getauscht werden muss, um verschiedene Dinge zum Leben zu haben. Gegenstände erhalten einen Wert und werden zu Waren, wenn eine Person, die ihre Arbeitskraft zum Leben verkauft, an ihnen Arbeit verübt. Der Wert wird dabei an gesellschaftlich abstrakter Arbeit gemessen; das heißt: an der Arbeitszeit, die im gesellschaftlichen Durchschnitt zur Produktion einer Ware notwendig ist. Mit zunehmender Technisierung muss für die Produktion einer Ware weniger Zeit aufgewendet werden, dementsprechend verlieren Waren an Wert. Das wiederum heißt, dass die Arbeiter immer mehr in kürzerer Zeit produzieren müssen, damit die Kapitalisten weiterhin Profit machen. Aus diesem Grund hat abstrakte Arbeit ganz bestimmte Eigenschaften, zum Beispiel, Effizienz- und Zeitdruck.

Diese Rationalität unterscheidet sich von derjenigen der Haus- und Pflegearbeit (auch Reproduktions- oder Care-Arbeit genannt). Und hier kommt Scholz‘ Wert-Abspaltungstheorem ins Spiel: Arbeiten wie Kindererziehung oder Altenpflege können nur begrenzt rationalisiert werden und gleichzeitig ihren Zweck erfüllen. Bildung verfehlt zunehmend ihren Zweck selbstständig arbeitende Personen hervorzubringen, wenn an der Ausbildungszeit immer mehr gekürzt wird. Und eine pflegebedürftige Person kann man nicht in fünf Minuten abfertigen, sondern sie braucht die Unterstützung unter Umständen rund um die Uhr.  Diese Pflegearbeit schaffe allerdings keinen Mehrwert, sei also vom Wert abgespalten, und zwar geschlechtsspezifisch, so Scholz.

Und warum spaltet er uns?

Raum

Blick aufs Podium

Diese beiden Arbeitsformen – weiblich konnotierte Care-Arbeit und Wert schaffende, männlich konnotierte Erwerbsarbeit – sind laut Scholz die Grundlagen des Kapitalismus. Sie bedingen sich gegenseitig, stehen in einem dialektischen Verhältnis. Damit Arbeit überhaupt verübt und dadurch Gegenstände als Waren Wert erhalten, müssen sich Arbeiter reproduzieren, also essen, schlafen, Kinder machen und aufziehen.

Diese Arbeitsteilung hat nicht nur materielle Auswirkungen, sondern auch kulturell-symbolische und sozialpsychologische. Eigenschaften wie Emotionalität und Sinnlichkeit werden Frauen zugeschrieben, während Männer angeblich besonders rational, stark und mutig sind. Mit der Ausbreitung des Kapitalismus etablierte sich die Aufteilung in eine private (Haushalt, Familie etc.) und eine öffentliche (Lohnarbeit, Ökonomie etc.) Sphäre.

Scholz hat deutlich gemacht, dass sie mit Abspaltung zweierlei meint: Einerseits die Trennung von wertschaffender Arbeit und Reproduktionsarbeit und andererseits, dass die Reproduktionsarbeit auch in herkömmlicher marxistischer und anderer kritischer Theorie unterbeleuchtet/abgespalten bleibt. Eine feministische Gewerkschaft wie der unter_bau sollte also Reproduktionsarbeiten sichtbar machen, Rationalisierungsprozesse vor allem in Bezug auf bestimmte Tätigkeiten kritisch betrachten und die großen Zusammenhänge erkennen, um sie zu bekämpfen.

Care-Arbeit heute: Nicht aus dem letzen Jahrhundert?

In ihrem Vortrag ging Scholz auf derzeitige Entwicklungen im Kapitalismus ein und wie diese mit der Wert-Abspaltung in Verbindung zu setzen sind. Dabei ist zunächst festzuhalten, dass der Kapitalismus krisenhaft ist. Wie oben schon beschrieben, erhalten Gegenstände Wert dadurch, dass ihnen Arbeit zugefügt wird. Kapitalisten können hier Mehrwert produzieren, indem Arbeiter einen geringeren Lohn erhalten als sie Wert produzieren. Mit Maschinen kann effizienter produziert werden und somit zunächst mehr Wert geschaffen werden – ganz im Interesse der Kapitalisten. Maschinen ersetzen jedoch auch zunehmend Arbeiter. Aber nur durch deren Ausbeutung kann Mehrwert produziert werden.

Mit der mikroelektronischen Revolution, so Scholz, wird immer wahrscheinlicher und realer, dass der Einsatz von menschlicher Arbeitskraft fast völlig unnötig wird. Der Drang immer mehr und effizienter zu produzieren und die Logik, Mehrwert nur durch den Einsatz von Lohnarbeit erzielen zu können, stehen also im Widerspruch, der dem Kapitalismus innewohnt. Der Widerspruch wird als „prozessierend“ beschrieben, da er sich über eine lange Zeit immer mehr verdeutlicht. Zu diesem Prozess gehört auch, dass Löhne sinken. Dies führt zugleich dazu, dass Frauen immer mehr erwerbstätig werden, da ein Lohn pro Familie nicht ausreicht.

Die Moderator_innen Janina Hirth und Marcus Jurk mit der Referentin

Die Moderator_innen Janina Hirth und Marcus Jurk mit der Referentin

Damit kommt es de facto zu der so genannten „Doppelbelastung“ von Frauen: Sie müssen beide Arbeiten erfüllen – Lohn- und Hausarbeit. Ebenso erfüllen Männer teilweise auch Hausarbeiten, nachdem ihre Erwerbsarbeit durch Technik zunehmend abgeschafft wird. Die Institutionen Familie und Erwerbsarbeit verfallen nach und nach – aber eben nicht so, dass von einer Befreiung der Gesellschaft gesprochen werden kann. Patriarchale Strukturen und Hierarchien bestehen weiter. Daher spricht Scholz von einer „Verwilderung des Patriarchats“.

Eine weitere derzeitige Entwicklung ist die, dass immer mehr der oben beschriebenen Pflegetätigkeiten oder eben Care-Arbeiten von privaten Unternehmen übernommen werden. Sie werden also entsprechend der Logik des Marktes organisiert – kommodifiziert. Scholz ist in ihrem Vortrag ausführlich auf verschiedene Ansätze feministischer Kritik in dieser Care-Debatte eingegangen. Dabei hat sie herausgearbeitet, dass diese „zu spät“ ansetzen und die zugrunde liegende Abspaltung von Reproduktionsarbeit und Wert nicht berücksichtigen. Nach Scholz können Care-Arbeiten eigentlich keinen Mehrwert produzieren.

Der Muff von 50 Jahren

Blick ins Publikum

Blick ins Publikum

In der anschließenden Diskussion meldeten sich Stimmen aus dem Publikum, die anzweifelten, ob Care-Arbeit wirklich keinen Mehrwert produzieren kann, wo sie doch immer häufiger auch lohnförmig verrichtet werde. Scholz verwies darauf, dass Care-Arbeit nur zu einem gewissen Grad nach der Logik von Erwerbsarbeit organisiert werden könne, dann aber an ihre Grenzen stoße. Sie könne eben nicht endlos effizienter gestaltet werden und dennoch ihren Zweck der Pflege erfüllen. Einen Gebrauchsgegenstand in möglichst kurzer Zeit herzustellen, ist für alle praktisch, mit Menschen so zu verfahren eher fragwürdig. Scholz erklärte auch, dass sie von Alternativvorschlägen wie solidarische Ökonomien und Gemeinschaftsgütern (commons) nichts halte. Solche Ideen, umgesetzt von (privilegierten) Menschen in der momentanen Gesellschaftsordnung, dienten nur der Krisenbewältigung und unterwerfen sich schlussendlich auch der Marktlogik, ohne die eigentlichen Widersprüche aufzuheben.

Scholz teilte mit bissig-humorvollen Kommentaren auch gegen die Universität aus. In einer ökonomisierten Universität könne kein kritisches Wissen produziert werden, deshalb betreibe sie persönlich die Wahrheitsfindung außerhalb. Ihr Wertabspaltungstheorem haben verschiedene Menschen unter „kleinen Modifikationen“ verwertbar machen und in die Uni einbringen wollen. So seien zwar mehr Leute damit konfrontiert worden, allerdings in abgeschwächter und teils verfälschter Version. Gleichzeitig kritisiert Scholz, dass zur Akquise von Forschungsgeldern Alt-Hergekommenes als radikal neu verkauft wird; dabei sei „unter den Talaren“ der einst progressiven 68er-Profs „der Muff von 50 Jahren“! Auch wenn es bei Emanzipation durchaus „ums Ganze“ gehe und Lippenbekenntnisse oder kleine Reförmchen nicht ausreichten, sei es trotzdem wichtig, Gegenallianzen zu bilden, um zunächst eine Verbesserung des Bestehenden zu erzielen. So müssten auch innerhalb der Universität Forderungen gestellt werden, wie sie der unter_bau formuliert. Entsprechend lobte Scholz am Schluss die Programmatik und Strategie der Gewerkschaftsinitiative und wünschte gutes Gelingen.

Pia Dörgeloh, Cornelia Koch und Charlotte Marckward (unter_bau)